Lost and found – Schnipsel von der „Kieler Woche 2008“
Donnerstag, 19.06.2008:
Anreise
Bin gemischter Stimmung: Einerseits geht’s jetzt endlich los, andererseits muss ich die knapp 1.000 Kilometer mit dem Auto anreisen und kann nicht fliegen, weil es mit den Billigflügen und den Verbindungen zu und von den Airports nicht so recht geklappt hat (dafür habe ich aber auch keine restriktive Gepäckbeschränkung). Das Wetter bei mir zu Hause wird nach Wochen der Kälte endlich sommerlich, dafür schlägt es in Schleswig-Holstein um von mehreren Wochen Hitze auf Kälte, Wind und Regen – toll...
Freitag, 20.06.2008:
Akkreditierungen oder „Warum einfach, wenn’s auch kompliziert
geht?“
Wochen
und Monate zuvor ging es schon los: Bühnen-Programme studieren, die
Webseiten der üblichen Verdächtigen unter den favorisierten Bands
nach Gigs scannen, mailen, telefonieren, die zuständigen Ansprechpartner
in Kiel ausmachen… Heute ist nun der Tag, die ganzen bunten Ausweise
überall in Kiel einzusammeln – das setzt viel Rennerei und Telefoniererei
voraus, obwohl eigentlich alles schon geklärt sein sollte und sich
die ausgedruckten Bestätigungsmails in meinen Taschen stapeln. Bis
auf eine Akkreditierung bekomme ich auch alle im Laufe des Tages, die von
der NDR-Bühne gibt’s allerdings erst am Sonntag – unmittelbar
vor dem Konzert von Roger Hodgson. Und dafür darf ich dann auch während
der „Kieler Woche 2008“ mit gleich vier um den Hals baumelnden
Fotopässen herumlaufen – sieht unheimlich beeindruckend aus (und
stört tierisch!).
Abends dann die ersten zwei Gigs – gewissermaßen zum Warmwerden – dabei schon die ersten Kollegen kennengelernt, die ich im Laufe der Woche noch häufiger wieder sehen werde und erste Eindrücke von den wichtigsten Bühnen der nächsten Tage gewonnen. Kurz nach Mitternacht todmüde das Quartier wieder erreicht, Speicherkarten auf Imagetank geleert und ab ins Bett – nach gefühlten gelaufenen 20 Kilometern.
Sonnabend, 21.06.2008:
Es geht los oder „Wie meine Kameras zu den blauen Aufklebern kamen“
Die „Kieler Woche“ beginnt immer offiziell
mit der Eröffnung auf dem Rathausmarkt durch die entsprechende Politprominenz.
Dieses Jahr machen es Angela Merkel und der schleswig-holsteinische Ministerpräsident
Peter-Harry Carstensen. Dafür ist sehr viel Polizei und Security vor
der Bühne unterwegs – dennoch kann mir keiner der Zuständigen
im und am Graben sagen, wo es denn dort nun hinein geht. Endlich werden
zwei Kollegen von Reuters und ich fündig: Ein kompetenter Offizieller
der Stadt Kiel weist uns den Weg zum Security-Check – verbunden mit
dem Hinweis, dass der CheckIn aber schon geschlossen habe. Wir kämpfen
uns dennoch tapfer zu dritt einmal durch die Menge unmittelbar vor der Bühne
und kommen noch zum Ausrüstungscheck. Kameras hochhalten, auslösen
und Security auf’s Display schauen lassen:
Ich
habe somit nachweislich keine Waffen dabei und bin folglich kein Terrorist.
Somit bekomme ich die begehrten blauen Aufkleber auf meine Bodies, die mich
fortan berechtigen, mich in der Nähe von Angela Merkel aufzuhalten
– dabei wollte ich sie eigentlich nicht fotografieren – selbst
dann nicht, wenn sie singen sollte…
Im Graben wird’s dann bei den Weather Girls sehr eng, weil alle auf Angela Merkel warten. Richtig beliebt war der kleinwüchsige Kollege mit seiner Trittleiter! So schnell konnte er gar nicht das Teil aufbauen, wie er solidarisch von allen Fotografen und Kameraleuten nach hinten gedrängelt wurde.
Nachdem die [ → Weather Girls ] also dann die Festigkeit der Bühne ausreichend erprobt hatten, kam SIE. Zuerst noch ein wenig skeptisch ob der Regengefahr und der böigen Winde, machte sie ihre Sache allerdings gut und wurde vom Publikum mit Begeisterung empfangen. Und so konnte die „Kieler Woche“ in ihr 126. Jahr starten…
Sonntag, 22.06.2008:
Rodger Hodgson oder „It’s raining again“
Eigentlich ist relativ schönes Wetter – nur auf dem Weg zu Roger Hodgson quer durch die Innenstadt am Wasser entlang kommt ein Guss vom Feinsten vom Himmel herunter. Binnen Minuten steht alles mehrere Zentimeter unter Wasser und es kommen Böen auf – so stark, dass sogar eine große Hüpfburg davon geweht, Bäume entwurzelt und einige Zelte umgeworfen werden. Aber nach ca. 20 Minuten ist der Spuk vorbei und der Rest des Abends verläuft in gewohnten Bahnen.
Montag, 23.06.2008
Ein
Tag ohne besondere Vorkommnisse, dafür zeige ich – stellvertretend
für die ungezählten und ungenannten Musiker auf den Straßen
– einfach einmal ein Bild eines Musikers aus der Fußgängerzone.
Sehr interessante Instrumente hatte er da in seinem Fundus, denen er –
für unsere europäischen Ohren – ziemlich exotische Töne
entlockte.
Dienstag, 24.06.2008:
Weibliche Fans oder „Ich komme mir alt vor“
Eigentlich
habe ich das noch nicht so deutlich gemerkt, aber was da vor der NDR-Bühne
abgeht, lässt mich schon irgendwie merken, dass meine Schulzeit doch
etwas weiter zurückliegt. Doch der Reihe nach: Erster Gig des Abends
ist „Stefanie Heinzmann“. Bislang ist mir diese Dame irgendwie
entgangen – schaue ich mir allerdings das Publikum an, dann weiß
ich auch, warum: Es werden die schon vom Sonnabend bekannten Plakate des
Kieler Tokio Hotel-Fanclubs hochgehalten, dessen vorwiegend weibliche Mitglieder
auch Fräulein Heinzmann lieben. Hmmm… für die Musik hätte
ich Ohrstöpsel nicht dringend gebraucht, wegen der Fans in den ersten
50 Reihen war ich aber dennoch dankbar für den Lärmschutz. Bis
zum Auftritt der Jungs von „Marquess“ ist die Menge der hyperventilierenden
Mittelstufenhupen auf 18.000 Mitglieder angewachsen und ich flüchte
nach den ersten drei Songs nicht nur aus dem Graben, sondern auch vom Gelände.
Mittwoch, 25.06.2008:
Fanchaos oder „In the Name of Löw“
Public Viewing überall in der Kieler Innenstadt und tausende von Fußballfans dazwischen – schließlich ist Fußball-EM und die deutsche Mannschaft spielt im Halbfinale gegen die Türkei. Eigentlich ganz nett, es stören allerdings die überproportional vielen Jugendlichen, die sich schon lange vor dem Spiel in die „richtige Fanstimmung“ getrunken haben.
Während des Gigs von „ZooTV“ läuft Backstage auf einem Laptop dank DVBT das Spiel und die Band muss immer durch Ansagen auf dem Laufenden gehalten werden. Während der letzten Minuten spielen sie „In the Name of Love“, welches Sie nach der Ansage „89. Minute, 3:2 für Deutschland“ spontan umdichten auf „In the Name of Löw“ und gemeinsam mit dem Publikum bis zum erlösenden Schlusspfiff immer wieder wiederholen. Anschließend wird die deutsche Flagge auf der Bühne geschwenkt – sicherheitshalber hatten die vier Jungs aber auch die türkische Flagge dabei… Leider sind nicht so viele Leute vor der Bühne, wie ZooTV es verdient gehabt hätten – das ändert sich erst nach dem Abpfiff in Basel: Schlagartig wird’s voll. So voll, dass ich aus der Kieler Innenstadt mit dem Wagen fast nicht mehr auf die Autobahn komme. Ein kurzer Umweg über das benachbarte Dänemark hilft aber beim Umfahren der spontanen Fan-Zusammenrottungen und diverser Autocorsi.
Donnerstag, 26.06.2008:
Ein eher ruhiger Tag oder „Keine besonderen Vorkommnisse“
Abgesehen davon, dass ich während des Gigs von
„Echoes“ einmal kamerabehangen durch die Innenstadt hetzen muss,
um „Breakfast in L. E.“ auf einer anderen Bühne zu erwischen
und dann wieder zurückhechle, 
um
den Rest von „Echoes“ noch mitzubekommen, war’s ganz angenehm.
Dafür hatte ich nachmittags Pech mit dem FTP-Upload meiner bisherigen
Daten: Hatte ich doch auf dem Stick alles dabei – nur die Daten für
den FTP-Zugang nicht…
Dafür habe ich mich wieder einmal mehr von der schier unerschöpflichen Motivwelt aus dem sagenumwobenen Backstage-Bereich anregen lassen. (Siehe auch [ → hier ] .) Jeden Abend wurde warmes Essen angeliefert – inklusive Geschirr, Besteck und weiteren notwendigen Utensilien. Tja… und was dann stehen blieb, wurde über Nacht und während des folgenden Tages vom Regen fleißig gewässert – bis erneut der Catering-Service kam, neues Essen brachte und den Krempel vom Vortag entsorgte…
Freitag, 27.06.2008:
Alles hat ein Ende oder „Alles wird gut“
Ich kann meine Daten backstage an der Max-Bühne hochladen – Herz, was willst Du mehr? Nun, vielleicht etwas weniger Gedrängel auf der Klappbrücke über die Hörn beim Rückweg von den „No Angels“ zur Max-Bühne. Ist es vorstellbar? 15 Minuten brauche ich zur Überquerung der Hörn von einem Ende der Brücke zum anderen und die Brücke war nicht einmal hochgeklappt! (Für Ortsunkundige: Die hier angesprochene Strecke beträgt ca. 100 Meter.)
Egal, der Abschied von meinem „Zweitwohnsitz“ im Backstagebereich der Max-Bühne schmerzt fast schon ein wenig – ich habe mich bei Stefan und André und dem Rest der Crew mehr als „sauwohl“ gefühlt – danke nochmals für alles.
So… und nach einem Zwischenstopp am Sonnabend in Thüringen werde ich dann am Sonntag in München schon den nächsten Gig fotografieren – irgendwie freue ich mich mittlerweile auf mein eigenes Bett.